Fluch/t

Am Samstag zog eine bunte Truppe vom südlich der Elbe gelegenen Hamburger Stadtteil Veddel aus am Deich entlang durch den Hafen, um durch den nostalgischen „Alten Elbtunnel“ auf die Nordseite der Stadt zu gelangen und schließlich vom „Michel“, dem barocken Hamburger Wahrzeichen, herunter einen fantastischen Blick über die abendlich beleuchtete Stadt zu genießen: 6 oder 7 Ansässige sowie 15 bis 20 Neu-Hamburger, die derzeit noch in der „Zentralen Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge“ leben, lernten die Stadt und einander kennen. Anfangs dominierten noch Schüchternheit und unbeholfener Smalltalk die Interaktion, doch am Ende der Tour hatte sich eine verschworene kleine Truppe zusammengerauft.

Wir waren Teil davon und haben uns mit freundlichen, offenen Menschen unterhalten. Man unterhielt sich englisch, deutsch und mit Händen und Füßen. Die, die besser verstanden, übersetzten wie selbstverständlich denen, die nicht so gut verstanden. Die Neu-Einwohner erprobten eifrig die Brocken Deutsch, die sie mittlerweile kannten, und waren sehr wissbegierig. Von der Flucht erzählten sie nicht so gern. Sie haben dafür alles investiert. Einer war z.B. Besitzer einer Ladenkette in Syrien – heute steht er vor dem Nichts, hat aber immerhin sein Leben, das ihm als Jeside in den IS-Gebieten nicht sicher gewesen wäre. Ein anderer war über Griechenland gekommen und dorthin aus der Türkei per Boot gereist. Auf unsere Frage nach den Gefahren wurde er plötzlich schweigsam und blickte ernst. Wer weiß, was er erlebt hat.

Wir haben nicht zu viel gefragt zu den jeweiligen Hintergründen und Bedingungen der Flucht, da wir merkten, dass das zu sehr belastet, und der Fokus dieser Aktion ja gerade das Nach Vorne-Blicken sein sollte. Das wurde dankbar angenommen. Es waren ganz junge Leute dabei, die allein nach Europa gekommen waren. Sie hatten sich nun mit Gleichaltrigen zusammengefunden und machten fleißig Selfies vor den Sehenswürdigkeiten, dem Hafen, dem Michel. Die Fotos haben sie bei Facebook hochgeladen. Wir haben das Facebookprofil eines der Beteiligten angeschaut. Er ist sehr jung, maximal Anfang Zwanzig, wenn überhaupt. Eine erwachsene vereiratete Frau aus Damaskus kommentiert viel auf seiner Seite. Wie der Google-Übersetzer verrät, schreibt sie „mein Liebling…“, „mein lieber Schatz…“. Offenbar hat sie ihrem Kleinen die Flucht vor dem Krieg ermöglicht.

Auf ein Bild klicken, um es ganz zu sehen und durch die Galerie zu navigieren:

Nur einen Tag später sehen wir ein Youtube-Video, das von Flüchtlingen handelt, und lesen darunter die Kommentare. Wir haben schon Einiges mitbekommen von der Hetze im Netz. Auf Facebook haben wir schon schlimme Sachen lesen müssen, aber dies übertraf alles. Das Blut gefrohr uns in den Adern angesichts der widerwärtigen menschenverachtenden Texte.

Wir lesen von Schädlingen, die uns heimsuchen, und wie man jene Menschen am geschicktesten verbrennt oder „mit der AK-47 durchlöchert“. Wir lesen, dass man eine Haftmine ans Boot kleben und den Knopf drücken sollte. Wir lesen davon, dass „sie“ uns unterwandern. Eine Frau beschreibt, wie sehr sie sich vor Ausländern ekelt. Es sind viele Kommentare – von vielen Kommentatoren.

Abb. von Hass-Kommentaren, die unter einem einzigen Video standen.

Diese Kommentare standen unter einem einzigen Video. (Anklicken zum Vergrößern)

Was ist das für ein Land, in dem dieser Hass gedeiht? Was sind das für Menschen, die im Schutz der Anonymität so etwas äußern? Wir sind verzweifelt, wir wissen nicht, wie wir mit der Situation umgehen sollen, mit diesen völlig konträren Bildern – hier die freundlichen Menschen, die wir kennen gelernt haben, da die Hasser, die diese Menschen tot, ertrunken, erschossen, verbrannt sehen wollen.

Sie haben aufgerüstet. Es wird inzwischen nicht mehr hinter vorgehaltener Hand, sondern unverholen Hetze betrieben und offen zum Lynchen Schutzbedürftiger aufgerufen. Die Hasskommentare haben wir gemeldet und uns Rat suchend an eine Menschenrechtsorganisation gewandt, die uns zur Strafanzeige rät: online-strafanzeige.de. Man gab zu bedenken, dass nicht sichergestellt sei, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden können, doch in jedem Fall würden die Behörden so immer wieder daran erinnert, dass es ein offensichtliches Problem mit rechter Hetze gibt.

Wir denken an die Frau in Damaskus, die ihren Sohn vor dem Krieg beschützt hat, jenen sympatischen Jungen, der gerade seine Fotos vom Stadtspaziergang gepostet hat.

Willkommen in Deutschland, Kleiner. Viel Glück.

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