Emily und das große ES-IST-GANZ-EINFACH-SO

Viele Dinge nehmen wir als gegeben hin, da wir in sie hineingeboren werden. Früher war das auch schon so: Sklavenhaltung oder Leibeigenschaft z.B. galt als normal. Es wurde nicht infrage gestellt und sich höchstens darüber unterhalten, ob jemand gut oder schlecht mit „seinen“ Sklaven oder Leibeigenen umging. Heute mutet das befremdlich an. Höchstens in der SM-Szene wird mit solchen Attributen kokettiert, was aber sehr weit von tatsächlicher Sklaverei entfernt ist. Und dennoch gibt es auch echte Sklaven noch in unserer Gesellschaft, ganz legal, und fast jede/r profitiert davon. Sie sind bloß nicht mehr menschlicher Natur, sondern Angehörige anderer Spezies. Wir bezeichnen sie als „Nutztiere“.

Tiere und Nutztiere

Nutztiere sind Wesen, die es ohne dieses „Nutz“ gar nicht geben würde. Milliardenfach schenkt der Mensch täglich Leben. Dieses Leben ist ihm unterstellt, geformt nach seinem Willen und wird kostengünstig gestapelt, bis er dieses Leben wieder nimmt. Als Leben wahrgenommen wird es jedoch nur rudimentär – und als Individuum gesehen nur selten, meist von Kindern oder edlen Spinnern, die „die Realität“ nicht akzeptieren wollen. „Die Realität“ wird beinah religiös als fixes Kontinuum begriffen, das aus sich heraus existiert und nicht etwa durch uns mitkreiert wird. Leben schaffen und Leben formen nach unserem Willen, es zu versklaven, zu benutzen und zu beenden wird nicht als ein Mitkreieren begriffen, sondern als ein naturgegebenes ES-IST-GANZ-EINFACH-SO. Der gewalttätige Schöpfer und Richter über Leben und Tod macht ein niedliches Duckface dazu, denn er begreift sich als bloßes Rädchen im Getriebe des großen Gottes, des großen gewaltigen ES-IST-GANZ-EINFACH-SO‘s.

Dass der Mensch nicht nur Schöpfer und Richter dieses Nutzlebens ist, sondern damit sogar Richter über alles Leben – das der Wildtiere, der Meeresbewohner, der Wälder und der eigenen Spezies – passt nicht in unser erlerntes Selbstkonzept des kleinen Rädleins im großen Gefüge „der Realität“. Entsprechend beklemmend mutet es uns an, wenn wir einen kurzen Blick auf „die andere Realität“ erheischen. Er zeigt uns nämlich deutlich, dass wir keineswegs Rädchen in einem naturgegebenen Getriebe sind, sondern allenfalls der Sand darin. Hier mal ein kleiner Appetithappen – schnell erfassbar, handlich, aber brutal im Abgang:

Biomasse der Landsäugetiere

Biomasse der Landsäugetiere (Dunkelgrau = Menschen, Hellgrau = „Nutztiere“, Grün = Wildtiere) Ein Kästchen zeigt 1.000.000 Tonnen.

Wildtiere und ihre Lebensräume werden verdrängt, Unmassen an Nutztieren pupsen die Atmosphäre kaputt, fressen den Planeten kahl und verseuchen das Grundwasser, Wälder werden abgeholzt usw. Die Nutztierhaltung ist der Vernichtungsfaktor Nummer 1 unser aller Lebensgrundlagen. Das nur einmal als kleiner Ausschnitt jener Realität, die jedes kleine Rädlein namens Mensch so tagtäglich vor sich hin kreiert. Wir sind die Räder einer gigantischen Vernichtungsmaschine, die sich aus unserem eigenen Zutun speist. Das Gute: Keiner ist dazu verpflichtet. Wir können es einfach lassen. Ein paar „Verrückte“ machen genau das. Sie lehnen das Halten, Züchten und Morden von Nutzleben ab, machen da nicht mehr mit und ernähren sich pflanzenbasiert statt mit dem Zeug aus, nun ja, Leichengewebe von Tieren, deren Muttermilch oder ihrer Gelege. Solche „Antinormalen“ werden langsam aber stetig sogar immer mehr. Schlachter, Viehhalter oder Milchbauer hingegen will kaum noch jemand werden, sodass materiell schwächer Gestellte aus anderen Ländern kommen müssen, um es zu verrichten. Auch die aus den Nutzlebewesen gewonnen Produkte verkaufen sich bei uns und auf anderen gewohnten Märkten immer schlechter.

Doch nun werden andere Länder angefixt, die den Quatsch in der Form wie hier vorher noch gar nicht kannten. Asien z.B. wird seit einigen Jahren immer stärker mit Fleisch und Milchprodukten aus unsrer Massentierhaltung zugebombt. Das ist dort billig zu haben, denn wir Deutschen subventionieren „unsere“ Massentierhaltung und ihre Produkte, ob wir wollen oder nicht. „Zum Glück“ aber werden die Leute in den angefixten Ländern dadurch genauso krank wie wir, zum Glück deshalb, weil der Degenerationsprozess von Beginn an dokumentiert und nachvollzogen werden kann. Es wird plastisch und belegbar, wie ungesund diese Erzeugnisse – auch direkt – für den Menschen sind, also nicht erst über den Umweg der bereits erwähnten Umweltzerstörung, deren Hauptfaktor die Tierindustrie ist. Das macht vielen Leuten zu Recht Angst, die jetzt, wo es um ihren eigenen Arsch geht, sehr viel offener dafür sind, umzudenken. Kein System dieser Welt schützt vor Selbstverantwortung, so sehr es diese uns auch abzunehmen vorgaukelt.

Menschen funktionieren zwar relativ unkritisch in dem oben kurz skizzierten vermeintlichen „ES-IST-GANZ-EINFACH-SO“, da sie es nicht anders kennen. Doch dieses sie umgebende System ist durchaus anfällig gegenüber „Störungen“. Denn Menschen sind immer noch soziale Lebewesen und haben folglich so etwas wie Mitgefühl, das Einfluss auf ihr Erleben, ihre Moral und ihre Entscheidungen hat. Ein kleines Beispiel, das für Wellen sorgte:

Emily

Am 14. November 1995 stand in Neuengland eine namenlose Kuh in der Winterkälte vor der Schwingtür zum Schlachtbereich. In ihrem kurzen Leben als so gezüchtete „Milchkuh“ hatte man ihr wie allen ihren Leidensgenossinnen alle ihre Kälber nach der Geburt weggenommen, um ihre Muttermilch zu „nutzen“. Den größten Teil ihres kurzen entbehrungsreichen Lebens war sie gleichzeitig schwanger UND wurde gemolken. Gewöhnlich geht das so sehr auf den Körper, dass eine Kuh nach wenigen Jahren keine ausreichende „Leistung“ mehr erbringt. Wie alle anderen in der Warteschlange sollte diese Kuh daher nun entsorgt werden, so wie es üblich ist. „ES-IST-GANZ-EINFACH-SO“: Tagtäglich stehen sie da mit dem Blut- und Angstgeruch der anderen in der Nase, starr vor Panik.

Diese Kuh nun überkam jedoch ein Fluchtreflex, der stärker war als alles andere. Unvermittelt brach sie aus der Gruppe aus, rannte auf den eineinhalb Meter hohen Zaun zu und wuchtete ihre 730 Kilo darüber hinweg. Bis die Arbeiter sie einholen konnten, war sie in die umgebenden Wälder entschwunden. Vierzig eisige Tage und Nächte versteckte sie sich in einem Waldgebiet in der Nähe eines kleinen Städtchens. Man hatte sie dort gesichtet und wusste, was der Kuh blühen sollte. Die Menschen halfen ihr: Die Anwohner führten die Polizei durch Falschangaben in die Irre und Bauern ließen für die entkommene Kuh Heuballen auf den Feldern liegen. Sie nannten sie Emily. Unweit davon hörten auch die Betreiber eines Begegnungszentrums für gewaltfreies Leben von Emilys Notlage. Sie boten dem Schlachthofbetreiber an, Emily auszulösen und ihr auf ihrem angegliederten Gnadenhof einen friedlichen Lebensabend zu ermöglichen. Sie rannten damit offene Türen ein, denn auch den Schlachthofbetreiber hatte Emilys Flucht und der Einsatz der Menschen längst schon nicht mehr kalt gelassen. Er verlangte für das 500-Dollar-Rind nur mehr einen symbolischen Dollar. Später zahlte eine Filmproduzentin den Gnadenhofbetreibern so einen stattlichen Betrag für die Rechte an Emilys Geschichte, dass die Ausreißerin damit zeitlebens versorgt werden konnte, zusätzlich spendete die Frau 10.000 Dollar für den Ausbau des Stallgebäudes und eines angegliederten Informationszentrums für Tierrechte.

Aus einer einzelnen anonymen Milchkuh von all den vielen Millionen, die täglich geschlachtet werden, wurde plötzlich eine Persönlichkeit, deren Schicksal viele Menschen bewegte. Es passierte eine „Störung“ in der Alltäglichkeit, ein Fehler in der Matrix des vermeintlichen ES-IST-GANZ-EINFACH-SOs. Die Menschen nahmen SIE wahr und ihren Willen zu leben, sogar der Schlachthofbetreiber. Gleichzeitig blieben die anderen genauso an ihrem Leben hängenden Individuen für sie wahrscheinlich farblose namenlose Teile besagter Maschinerie. Allerdings nicht für alle Menschen. Aus der ganzen Welt meldeten Menschen, dass ihnen Emilys Geschichte die Augen geöffnet hätte und sie fortan Fleisch aus ihrem Leben verbannt hätten, ES-IST-GANZ-EINFACH-SO-Leugner.

Nach einem Lebensabend in Freiheit starb Emily am 30. März 2003 an Gebärmutterhalskrebs. Mit 10 Jahren erreichte sie die Hälfte der durchschnittlichen Lebenserwartung eines Rindes und mehr als das doppelte Alter einer durchschnittlichen Milchkuh vor ihrer Entsorgung. Die Gedenkfeier für Emily fand internationale Beachtung, ein Künstler fertigte ihr eine lebensgroße Bronzestatue und in einer der Reden hieß es: „Es kann keinen letzten Gruß an Dich geben, Emily, […] ehe nicht der letzte Schlachthof seine Türen geschlossen hat […]. Dein Leben und Dein Mut, den Du gezeigt hast, werden mir stets eine Mahnung sein, dass ich niemals aufgeben darf. Genau wie du.“

Header: Emilys Grab mit lebensgroßer Bronzestatue in der Peace-Abbey, Urheber und Bildlizenzen des verwendeten Fotos siehe Link.

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3 Gedanken zu „Emily und das große ES-IST-GANZ-EINFACH-SO

  1. Ich war schon immer der Meinung, daß der Satz: „Gehet hin und macht euch die Erde untertan!“ immer falsch ausgelegt wurde und unglaubliches Leid an vielen Fronten verursacht hat..Vieles auf dieser Welt macht mich traurig, als denkender fühlender Mensch kann man nur Prioritäten setzen..sonst wird man verrückt, mir geht es jedenfalls so. Aber ich finde es gut auf meine Unzulänglichkeiten hingewiesen zu werden, damit man vielleicht nicht alles, aber einiges besser macht. ❤ Dafür sind Freunde da..sich gegenseitig zu helfen, als besserer Mensch von dieser Welt zu gehen.

    • Lieber Freund, wir werden ja tatsächlich in ein So-ist-Es hineingeboren – vollkommen ohne Schuld. Allerdings werden wir mit dem Aufwachsen zunehmend zu Mitgestaltern dieses So-ist-Es. Denn dieses So-ist-Es ist nur ein vorläufiger Zustand, der sich stetig verändert: In Wahrheit ist es ein So-ist-es-erst-Einmal, das sich im stetigen Prozess zum So-wird-es-Sein befindet. Nur wenn wir das nicht erkennen, dann nehmen wir dieses stetig durch uns im Wandel befindliche So-ist-Es fälschlich wahr als ein So-ist-es-nun-Einmal, als ein starres Konstrukt, dem man sich beugen muss.

      Da zu unserem So-ist-Es in vielen Bereichen leider ganz viel Lobbyismus gehört, der die Interessen Weniger vertritt, welche mit diesem So-ist-Es ganz zufrieden sind und in jenem derzeitigen System gerade große Macht und viel Geld besitzen, setzen diese alles daran, dieses So-ist-Es zu erhalten. Deren Interessenvertreter nehmen auf legalen wie auf illegalen Wegen Einfluss auf Politik, Bildung, Erziehung und Medizin und versuchen dadurch, mit allen Mitteln, uns dieses So-ist-Es als ein So-ist-es-nun-Einmal zu verkaufen, an dem nichts zu rütteln sei. Und sehr viele Menschen beugen sich diesem Mythos.

      Immer wieder gerät der ein oder andere demaskierende Skandal dazu in die Öffentlichkeit, der diese Einflussnahmen offenlegt. Bezogen auf die Herstellung und Ausbeutung von Tieren als „Nutztiere“ und die Darstellung dessen als völlige Selbstverständlichkeit und sogar Notwendigkeit hat Dr. Melanie Joy bahnbrechende Arbeit geleistet, Fakten zusammenzutragen und die Funktionsweise des dazugehörigen Systems, das Handeln der Akteure und unsere eigene (fremdbestimmte) Rolle darin zu analysieren. Hier ein kurzes leicht verständliches Video dazu:

      Die deutsche Übersetzung klingt leider etwas gestelzt und künstlich, doch es geht um den Inhalt.

Ein Gedanke von mir:

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