Kuh gebar Kalb nach Flucht aus dem Schlachthaus

Erneut ist ein Rind aus dem Schlachthof geflohen. Diesmal mit Happy End – sogar doppelt! Normalerweise geht die Flucht so aus, dass das „Schlachttier“ rasch wieder eingefangen und der ihm auferlegten Bestimmung zugeführt wird. Ist das Einfangen nicht möglich, wird das Tier gewöhnlich an Ort und Stelle erschossen und entsorgt (wegen der Bleimunition ist es nicht mehr zum Verzehr tauglich). Die Mehrzahl der Fälle landet wohl nicht in der Presse, allenfalls als Vermerk auf internen Seiten, etwa der Feuerwehr. Es sei denn, es kam zu erheblichem Sachschaden oder der Fall verspricht spektakuläres Unterhaltungspotential – wie kürzlich im tragischen Fall eines Siegener Bullen oder aber wie jetzt als emotionaler Action-Thriller mit Happy End. Manchmal geht es eben doch gut aus, dank der Öffentlichkeit, deren Macht nicht zu unterschätzen ist.

Dieser Kuh gelang es förmlich in letzter Sekunde, unverletzt zu entkommen. Wie sich später herausstellen sollte, war sie tragend – wie so viele weibliche Rinder, die in den Schlachthäusern landen. Gewöhnlich wartet auf die ungeborenen Kälber nach dem Tode der Mutter der Erstickungstod. Diese werdende Mutter allerdings konnte dem Grauen haarknapp und sogar noch aus der Tötungsbucht heraus entrinnen. Über vier Wochen lang war sie auf der Flucht. Das bis dato eingesperrte Rind versteckte sich dort, wo Rinder hingehören, im Wald, und entkam immer wieder aufs Neue ihren Verfolgern – Zeit genug, um gehörig Aufsehen zu erregen und die Gemüter zu bewegen. So hat sie sich im wahrsten Sinne einen Namen gemacht: „Johanna von Kaiserslautern“ wurde sie in den Medien genannt – und als man sie schließlich stellte, ließ man sie am Leben. Man betäubte sie und brachte sie auf den Lebenshof Rüsselheim e.V., der sich seinerseits sehr für ihr Leben eingesetzt hatte. Dort führt sie von nun an ein weitestgehend selbstbestimmtes Leben, an dessen Ende kein Schlachthaus wartet. In ihrem neuen sicheren Umfeld hat sie inzwischen schon vorsichtig Kontakt zu Artgenossinnen aufgenommen. Kühe pflegen innige lebenslange Freundschaften. Und diese Tage schließlich sorgte sie erneut für Furore: Sie brachte ihr Kalb zur Welt. Es ist gesund und wurde Josefine getauft.

Die „Schlachtkuh“, die vorher für Menschen nichts als irgend ein abstraktes Etwas war, das allenfalls über seinen „Zweck“ bestimmt wurde, wurde in der öffentlichen Wahrnehmung plötzlich zum Individuum. Das war sie natürlich auch schon vorher, wie jedes einzelne Tier, das geschlachtet wird, wir wissen das. Es wird üblicherweise aber ausgeblendet, weil es „halt so ist wie es ist“ und „so lecker schmeckt“. Dies und dergleichen Aussagen sind selten durchdachte Argumente, sondern Rechtfertigungs-Automatismen, die stets dann einsetzen, wenn indoktrinierte gesellschaftliche Normen, die man für seine eigenen hält, erschüttert oder infrage gestellt werden. Ähnlich unreflektierte Aussagen findet man in Zusammenhängen, mit denen man sich selbst nicht (mehr) identifiziert, oft spießig, etwa „Was sollen denn die Leute denken!“ oder „Iss Deinen Teller leer, denk an die armen hungrigen Kinder in Afrika!“


Summary: A cow, who escaped from slaughterhouse caused happy headlines. She escaped at the very last second and hid herself in the woods for more than four weeks. That was long enough to move the minds. „Joan of Kaiserslautern“ was not shot down, also she was no longer locked in a barn. Instead of that she came to an animal sanctuary. There she caused a great surprise: She gave birth to a small calf – Josephine. Sadly a cruel but normal fact ist, that with the death of a mother cow in a slaughterhouse, the unborn calf suffocates in her womb. But not in that case!

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3 Gedanken zu „Kuh gebar Kalb nach Flucht aus dem Schlachthaus

  1. Pingback: kuh gebar kalb nach flucht aus dem schlachthaus | campogeno

    • Ja, ich musste auch weinen. Die Geschichte ist schön und tottraurig zugleich. Mir drängt sich der Eindruck auf, dass sie für ihr Kalb gekämpft hat. Auf den Bildern sieht sie noch nicht so aus, als wenn sie sich wirklich in Sicherheit wähnt, eher als ob sie immernoch Angst um das Kalb hat. Das wird sich inzwischen gewiss geändert haben.

      Froh und dankbar bin ich, dass die Sache dank engagierter Menschen gut ausgegangen ist. Dennoch: Dass man hat „Gnade“ gewähren lassen, mutet zynisch an, denn sie hat gar nichts verbrochen. Das grausame System der Tierausbeutung, aus dem dieser eine Begnadigungsakt jetzt herausragt, kann auch gar nicht der Maßstab sein, denn es ist von vorn bis hinten mehr als „ungnädig“. Johannas Geschichte reißt kurz den Vorhang davor weg und das Happy End macht das Los der anderen umso mehr sichtbar. Johannas Geschichte ist wichtig, weil sie die Augen öffnet und vielleicht Menschen bewusster ihre Entscheidungen treffen lässt. Viele dieser Geschichten gehen anders aus und geraten gar nicht erst in die Medien. Man erfährt sie oft erst, wenn ehemals Involvierte davon berichten. Letztendlich hat jedes einzelne empfindende Wesen seine persönliche Geschichte und ein Recht auf seine Entfaltung.

      Sei umarmt. Maria

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