Wurst darf nicht mehr Wurst heißen

Jahrelang hatte Franky sich Kackwurst aufs Brot geschmiert. Ja, es ist ungeheuer eklig, aber ihm war das Wurst. Denn so wurde das Erzeugnis schließlich genannt. Auch wenn es irgendwie echt scheiße schmeckte. Aber das machte nichts, denn der Geschmack ließ sich durch den begleitenden Genuss eines Gläschens Scheuermilch perfekt neutralisieren. Werktags bevorzugte er allerdings in den Mittagspausen stets einen Café Crème mit aufgeschäumter Sonnenmilch zu seiner Kackwurst-Platte. Die üppige Mahlzeit gönnte er sich, da er morgens in der Hektik stets nur hastig ein Brötchen verschlang, freilich dick bestrichen mit Körperbutter. In der Bahn zu seinem Arbeitsplatz pflegte er noch ein oder zwei Glühbirnen zu schnurpsen, manchmal auch einen Zankapfel – wegen der Vitamine. Abends zu Barbier und Fernsehen gab es dann immer ein paar Stullen mit ordentlich Eichelkäse drauf (und etwas Kümmel).

An streng vegetarischen Tagen aß Franky auch schon mal Leberkäse oder Fleischsalat. Er aß also nicht nur Kackwurst und andere uns seltsam anmutende Dinge. Und natürlich aß er auch andere Wurst, z.B. Erbswurst. Wurst war schließlich Wurst. Und es war dann Wurst, wenn es Wurst geheißen wurde. Da ging er stets auf Nummer sicher. Bauernknacker z.B. verschmähte er, denn wenn etwas nicht Wurst genannt wurde, dann konnte da ja alles Mögliche drin sein! Und was bitte mochten „Knacker“ vom Bauern wohl sein?

Nach außen hin war Franky ein ehrbarer Mann. So kämpfte er, obwohl er keine Mitstreiter hatte, wacker gegen Brotaufstrich. Es sei Ausbeutung von Backwaren, die knusprigen Teiglinge auf den Strich zu schicken. Auch gegen Jägerschnitzel setzte er sich zur Wehr, da das seiner Ansicht nach einfach zu weit ging. Nach Feierabend freilich vernaschte der sonst unauffällige Familienvater haufenweise Gummibärchen in der Männersauna, denn er stand auf behaarte Typen in Latex. Er war dort ein gerngesehener Gast, denn er war regelrecht süchtig nach Dicksaft. Überflüssig zu sagen, dass er Demos organisierte und Petitionen verfasste zur Abschaffung der Bärchenwurst.

Das alles hätte seiner Ansicht nach gern so weitergehen können. Doch dann stellte ein Schlüsselerlebnis seine bis dato heile Welt vollkommen auf den Kopf: Frankys Parteikollegen, die der Tierindustrie nahe stehen oder selbst in ihr tätig sind, setzten ihm den Floh ins Ohr, dass manche Wurst gar keine richtige Wurst sei. Es sei Verbrauchertäuschung, wenn weder Scheiße noch Kadaver drin seien. Nur wenn eines von beiden oder Beides drin sei, so der Chor seiner Parteikollegen, sei es richtige Wurst. Franky hatte bereits einmal versehentlich derartige „Unwurst“ gegessen. Es stand „Tofuwurst“ drauf. Sie schmeckte damals gar nicht schlecht. Jetzt allerdings wurde ihm Letzteres: schlecht. Und er übergab sich auf der Stelle. Da wurde etwas Wurst genannt – und war in Wahrheit gar keine Wurst! WIDERLICH! Das konnte und durfte nicht sein. Gegen diese Farce wollte er zu Felde ziehen – und diesmal stand er nicht allein. Inzwischen berichten namenhafte Nachrichtenmagazine über Frankys Feldzug gegen die Wurst, die keine ist, und auf die unbescholtene Verbraucher jahrelang hereingefallen sind. Danke Franky.

Das war natürlich alles nur erfunden, hier jedoch ein verblüffend ähnlicher Fall:

Fleischersatzprodukte sollten nicht mehr als Wurst, Schnitzel, Frikadelle oder Salami verkauft werden. Das sei Verbraucher­täuschung, begründete CDU-​Verbraucher­schutz­sprecher Frank Oesterhelweg den parlamentarischen Vorstoß. (Quelle: spiegel.de)


English summary following soon.

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2 Gedanken zu „Wurst darf nicht mehr Wurst heißen

  1. Wunderbar. 😉 Darf Holstener Liesl, dann eigentlich auch nicht mehr Schmalz heißen? Sondern „äußerst köstliches Mischfett, mit Äpfelchen und Zwiebelchen, für aufs Brot“? Und heißen vorgetäuschte Orgasmen dann etwa, „beruhigende Reaktion auf unzureichendes Beischlafverhalten“??? Der Igor ist verwirrt!

Ein Gedanke von mir:

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