Die spinnen, die Veganer!

Heute ist wieder einer dieser Weltirgendwastage, konkreter „Weltvegantag“. Ja spinnen denn diese Veganer jetzt völlig? Können die nicht einfach ihr Müsli mümmeln unter ihrem Stein und uns normale Menschen in Ruhe lassen?!! Nein, diese Extremisten kommen natürlich wieder Zeigefinger-zückend hervorgewankt in ihren lederfreien Gesundheitsschuhen und markieren den Breiten: „Fleisch ist Mord!“, „Artgerecht ist nur die Freiheit!“, „Für Milch sterben Kälber!“ plärren die Bessermenschen dem Normalbürger ins Gesicht – auf Plakaten, in Internetdiskussionen und im persönlichen Austausch. Man kann keinen Satz mehr zu ’nem leckeren Essen verlieren oder ein Bild davon posten, ohne von der selbstberufenen Veganpolizei ne Rüge zu bekommen. Die einen machen das blutig und zeigen Bilder aus der Massentierhaltung oder aus dem Schlachthof, andere machen es auf die Hippietour und zeigen niedlichkeitstriefende Bilder von „befreiten“ Tieren auf Lebenshöfen: „Vegan is love!“, „For the planet, for the people, for the animals!“, „All creatures feel love, feel pain, feel joy and want to live.“ Sie spielen guter Bulle, böser Bulle und wollen uns so ihre romantisierte Weltsicht überstülpen und uns weismachen, dass wir ansonsten alle Mörder und Leichenfresser sind.

Hier einige Antworten auf diese Fragen und Behauptungen (die zwar pointiert zusamengefasst wurden, aber in ganz ähnlicher Weise öfters in Diskussionen auftauchen):

Spinnen die Veganer jetzt völlig?
Die Überzeugung, Veganer seien Spinner, hält der Überprüfung nicht stand. Jeder Mensch unserer Gesellschaft wird in eine Fleisch- und Tierprodukte-Normalität hineingeboren und hat gelernt, dass dies – neben anderen Normen – das Normale, das Natürlich, ja sogar das Notwendige sei. Dies sind die s.g. drei N der Rationalisierung indoktrinierter Werte, wie sie in jedem Sozialgefüge bestehen. Diese drei N galten z.B. auch mal (und zum Teil immer noch) für die Einehe zwischen Mann und Frau, für die Kindeserziehung durch Schläge und dafür, dass Frauen nicht wählen durften und die Erlaubnis ihres Gatten benötigten, wenn sie arbeiten wollten (wo sie selbstverständlich weniger Bezahlung erhielten). Wenn jetzt ein Mensch eine solche Normalität hinterfragt und sich ihr sogar entzieht, dann nicht deshalb, weil er spinnt, sondern weil er sehr genau hingesehen, sich gründlich damit beschäftigt und eingehend mit den Zusammenhängen auseinandergesetzt hat. Seine Handlungskonsequenz, das Ausbrechen aus der von ihm hinterfragten Normalität, ist ein Kraftakt, der auf sehr viel Missbilligung und Widerstand derer trifft, die sich davor schützen wollen, „zuviel“ zu wissen über ihre vermeintliche Normalität, in der sie sich bequem eingerichtet haben und die sie miteinander vebindet. Denn wer will schon aus dem Nest gestoßen werden? Notfalls wird die Wahrheit, das Fühlen und das Denken dafür geopfert, dass das nicht passiert – ein hoher Preis.

Können die nicht einfach ihr Müsli mümmeln unter ihrem Stein und uns normale Menschen in Ruhe lassen?
Veganer wollen liebend gern in Ruhe lassen, Dich, mich, die da drüben, den da hinten und die eingesperrten krankgezüchteten Turbowesen, die dort versteckt am Rande der Ballungsgebiete in riesigen Fabriken dahinsiechen, bis sie noch im Kindesalter abtransportiert, vom Hänger geprügelt und umgebracht werden. Auch die meist osteuropäischen Arbeiter dort werden unter Ausnutzung persönlicher Notlage bis aufs Blut ausgebeutet, leben in Verschlägen oder im Wald, viele erkranken unheilbar an multiresisten Keimen.
Oft werden Veganern an dieser Stelle idyllische Annahmen über glückliche Tiere auf der Weide, „artgerechte“ Haltung oder Biohaltung entgegnet. Doch erstens gilt das Einsperren in Fabriken in kleine dreckige Ställe als art-, bzw. „tiergerecht“ („tiergerecht“, da „Nutztiere“ nicht als Arten zählen, für sie gilt auch weniger das Tierschutzgesetzt, sondern die „Nutztierverordnung“, die so lasch ist, dass auch viele ausländische Betreiber ihre Tierfabriken bei uns betreiben). Zweitens bedeutet „Bio“ nur marginale bis keine Verbesserung dieser „Lebens“-Bedingungen. Drittens sind Tiere auf der Weide – obwohl im ländlichen Raum häufig zu sehen – die absolute Ausnahme, und auch sie werden gequält, ausgebeutet und verfrüht um ihr Leben gebracht: Z.B. entreißt man systematisch den „Milchkühen“ ihr zwecks konstanter Milchproduktion jährlich zu gebährendes Kalb, damit es nicht „unsere“ Milch trinkt. Bei den Milchrassen taugt dieses Kalb nicht zum Mästen und wird in Bulletten, Wurst oder Kabsbraten entsorgt – Kalbfleisch ist ein Nebenprodukt der Milcherzeugung und ist allein deshalb auf dem Markt. Der Trennungsschmerz ist erheblich, Kühe schreien und weinen und manche haben sich nach dem zweiten oder dritten Mal aufgegeben und lassen es lethargisch über sich ergehen. Den „glücklichen“ Rindern werden betäubungslos und unter großen Schmerzen die Hörner ausgebrannt. Und oft verbringen „Weidetiere“ den Großteil ihres kurzen Lebens trotzdem im Stall. Das sind nur wenige Beispiele für das, wo eben nicht „in Ruhe gelassen“ wird, sondern bestialisch ausgebeutet wird, so dass jeder fühlende Mensch Aversionen bekommt, dies überhaupt gelesen zu haben.

Wildtiere machen nur noch 3% der Biomasse auf der Erde aus.

Wildtiere machen nur noch 3% der Biomasse auf der Erde aus.

Weit schlimmer noch als diese Grausamkeiten ist das durch die Nutztierhaltung bedingte Artensterben, die fortschreitende Vernichtung von Biotopen und der biologischen Lunge Regenwald, die durch sie verursachte Trinkwasservergiftung, der erhebliche CO2- und Methanausstoß (die Viehwirtschaft ist der Klimakiller No 1), die Vertreibung und Enteignung von Menschen uvm.

Man kann keinen Satz mehr zu ’nem leckeren Essen verlieren oder ein Bild davon posten, ohne von der selbstberufenen Veganpolizei ne Rüge zu bekommen.
Das Bild vom Polizisten, der straft und rügt, ist ein voreiliges, das nicht dort hingehört, wo jemand einfach auf einen vielleicht unbequemen Sachverhalt hinweist. Naturgemäß werden wir alle tagtäglich mit einer Wirklichkeit konfrontiert, die zu einem erheblichen Teil auf Leid und Ausbeutung basiert. Das allermeiste Leid wird durch die Nutztierindustrie erzeugt, und zwar auch der Großteil der menschlichen Not durch Hunger, Enteignung und Verteilungskriege. Dieser riesige Klotz steht hinter jeder Mahlzeit, die auf tierlichen Produkten basiert. Veganer wissen das nicht nur, sondern sie haben dieses Leid plastisch vor Augen, weil sie sich intensiver darüber informiert und es oft selbst gesehen haben in Dokumentationen oder live vor Ort.
Wenn jemand über Essen redet oder ein Bild darüber postet, dann will er andere daran teilhaben lassen, zumindest virtuell. Natürlich rechnet er mit positiven Reaktionen. Lebt jemand jetzt vegan und sieht z.B. ein Grillbild mit einem Stück „Beef!“ (um den trotzigen Namen eines Küchenmagazins zu zitieren), das mit wohligen Worten garniert und freudig und völlig fern böser Gesinnung gepostet wurde, kommt er in eine ziemliche Zwickmühle: Er hält es für wichtig, auf das nicht gerade kleine Problem aufmerksam machen, und gleichzeitig will er den Freund nicht enttäuschen. Gleiches gilt für entsprechende Essensgespräche. Äußert sich die vegan lebende Person, wird der Freund, der etwas anderes bezweckt und erwartet hat, zwangsläufig enttäuscht sein. Äußert sie sich nicht und schweigt, etabliert sie ein Tabu, der Kontakt reißt genau da ab, wo es um ein ihr sehr wichtiges Thema geht, das die Person gerade deshalb gerne mit seinen Freunden teilen möchte. Auch wäre sie mit ihrem Schweigen ausgeschlossen aus der Gemeinschaft der restlichen Freunde, die unbefangen kommentieren.
Veganer halten es für zu wichtig, nicht zu schweigen über die in den Essensausführungen nicht genannten, aber unterstützten schrecklichen Zustände. Und sie wollen wie bei allen anderen Freundschaftsthemen mit dem wahrgenommen werden, was sie bewegt. Will jemand diese für sein Gegenüber elementaren Dinge nicht wissen, dann herrscht in der Freundschaft offensichtlich Meinungszensur und es sind nur Beifallklatscher willkommen.

Sie spielen guter Bulle, böser Bulle und wollen uns so ihre romantisierte Weltsicht überstülpen und uns weismachen, dass wir ansonsten alle Mörder und Leichenfresser sind.
Es ist vielmehr die Weltsicht der Leute romantisiert, die sich in einer vermeintlichen Normalität eingerichtet haben: Der Mensch und „sein“ „Nutztier“. Keine Eier-, Milch- oder Fleischverpackung ohne romantische bis kitschige Bilder von Tieren im Grünen, oder solchen, die debil grinsend ihre eigenen Körperteile oder Ausscheidungsprodukte anbieten. Leider ist es wahr, dass durch den Kauf solcher Produkte Leid und Tod unterstützt werden. Hier die Schuldfrage zu stellen, ist müßig, weil wir alle in diese „Wirklichkeit“ nun einmal hineinkonditioniert wurden. Die Wirklichkeit aber ist kein feststehendes Ding, sondern im ständigen Wandel, den wir alle mit gestalten. Manche Impulse, die wir setzen, zeigen sich erst später, aber sie zeigen sich. Das ist Realität, ist messbar und kein romantisches Gespinne.

Und wir, auf welcher Seite stehen wir?
Wir sind hier nicht im Krieg, dass wir gegeneinander stehen müssen. Wir Beide, Stefan und Maria, haben hingeschaut und unser Leben entsprechend ausgerichtet. Das war sehr viel weniger Aufwand als wir dachten. Es befreit sogar. Wir haben festgestellt, dass wir einfach ehrlicher leben und denken, uns weniger vormachen und weniger denken, die Dinge seien alle eben so wie sie seien. Das ist lähmender Humbuk. Natürlich ist es immens bedrückend, alles zu erfahren und reinzulassen, klar. Es tut einem dann weh, wenn andere die Schotten dicht machen, es nicht wissen wollen und so selbstverstädlich wie immer das Ganze durch ihr Konsumverhalten finanzieren und weiter durch die Zeit schleppen, während Abermillionen fühlende Mit-Erdbewohner gequält, ausgebeutet und getötet werden. Wir haben etwas Zeit gebraucht, bis uns das alles klar wurde und natürlich muss man auch erst mal den Mumm dazu haben, sich Material dazu reinzuziehen. Diese Zeit gestehen wir anderen genauso zu. Auch mit Widerworten und Gegenargumenten können wir alle Beide ganz gut umgehen, ohne das Gegenüber zu verdammen. Wir leben nicht in einer Schutzhülle, schätzen lebendigen Austausch. Schlimm hingegen finden wir Kontaktabbruch – Tabuisieren – Totschweigen – Ausgrenzen. Das muss nicht sein. Und Nein, wir halten uns nicht für tollere Menschen, weil wir vegan leben. Es geht hier gar nicht um uns, wir sind schrecklich normale Leute. Vegan ist bloß gar nicht so doof. We just try to suck less.

English summary following soon

Advertisements

4 Gedanken zu „Die spinnen, die Veganer!

  1. Pingback: Zombie Apocalypse Now | Das Stefmarian

Ein Gedanke von mir:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s