Das Leben der Anderen

Am Wochenende waren wir zu Besuch bei den Eltern. Wir haben f√ľr sie gekocht. Muttern sah neugierig rein, lie√ü uns aber entspannt in „ihrer“ K√ľche werkeln. Wir baten sie dazu und so schnippelten wir vergn√ľgt plaudernd. Wir bereiteten Rotkohl, Kl√∂√üe und eine sehr feine braune So√üe zu – alles frisch und handgemacht. Das duftete lecker, war aber f√ľr den anderen Tag und sollte √ľber Nacht durchziehen. Am n√§chsten Tag zu Mittag wurde es dann aufgetischt zusammen mit feinst gew√ľrzten tierfreien Wildfilets. Von Letzteren wurden St√ľcke probiert und betont, es munde besser als der gebratene Tofu in unserem letzten Gericht.

Im Laden bei den Eltern um die Ecke hatten wir damals in der Tat eine ungewöhnlich trockene Tofusorte erstanden. Das war ärgerlich und beim Essen hatten wir eingeräumt, dass unser gebratener Tofu normalerweise viel besser schmeckt. Obwohl die restlichen Zutaten und die Soße damals offenkundig gemundet hatten, wurde jenes Mahl seither beinah bei jedem unserer Besuche kritisch erwähnt.

Das hier dagegen, gemeint war nun das Seitan-Wildfilet, schmecke wirklich ganz gut. Ich bemerkte, dass die So√üe etwas dick geraten sei, ich wolle deshalb damit kurz zur√ľck in die K√ľche und sei sofort wieder da. Ein einhelliges Nein brach √ľber mich herein – das sei nicht n√∂tig. Kurz darauf wurde lachend angemerkt, die So√üe s√§he aus wie Moppekotze. Es sollte ein unterhaltender Scherz sein, gefolgt von Ausf√ľhrung √ľber irgendwelche Schlachteplatten.

Ich h√∂rte nicht zu. Unterschwellig liefen in mir Bilder ab von verletzten Schweinen in drangvoller Enge im Stall und von Schweinetransportern, davon, wie die Tiere mit Stangen und Elektroschockern vom Wagen gepr√ľgelt und getreten werden – und sp√§ter in den Schlachtraum hinein. Wie dort eines nach dem anderen dieser sensiblen klugen Tiere mit der Elektrozange bet√§ubt und an den Beinen hochgezogen wird. Wie ihnen die Kehle aufgeschlitzt wird. Wie sie verbluten, w√§hrend sich die noch Lebenden √§ngstlich und hilflos zusammendr√§ngen. Zynischerweise haben sie es noch „gut“ getroffen. Auch andere Bilder von Gaskammern mit schreienden Schweinen liefen ab. Sie verbringen ihre letzten langen Minuten in gr√∂√üter Todesangst, w√§hrend das konzentrierte CO2 ihre Schleimh√§ute ver√§tzt und sie langsam ersticken. Schweine gruppenweise zu vergasen ist effizienter, als sie einzeln mit der Zange zu bet√§uben. Ich m√∂chte mich vor sie stellen und diesen Wahnsinn verhindern. Der l√§uft da drau√üen Tag und Nacht, au√üerhalb unseres Gesichtsfeldes. Doch das Gros der Leute scheint ihn auch nicht sehen zu wollen oder ihn ganz normal zu finden, auch die eigene Sippe h√§lt es so. Unnormal sind f√ľr sie solche Leute wie wir, die diesen Irrsinn ablehnen, sich dem verweigern und sich dagegen positionieren. Es ist wie in einem Horrorfilm: Du hast das Monster gesehen und kannst es auch ganz genau beschreiben, doch alle halten einen f√ľr verr√ľckt. Nur ist es kein Film, es ist Alltag.

Sp√§ter besuchten wir Freunde. Ein eigens f√ľr uns gebackener veganer Kuchen wurde serviert. Die B√§ckerin ist eine quirlige witzige Frau, die ich sehr sch√§tze. Sp√§ter brachen wir alle zusammen auf, und sie zog ihre Jacke an, modisch verziert mit √ľppigem Echtpelzkragen. Gemeinsam ging es zu einem Eishockeyspiel, wo jetzt sozusagen zwei Familien und zwei sehr alte Freunde gegeneinander standen: Mein Mann auf dem Feld und sein Freund im gegnerischen Tor. Wir waren deren Freunde und Familien. Das Spiel war spannend, die Tore gleich verteilt. Erst die Verl√§ngerung brachte in den letzten Sekunden die Entscheidung. In den Pausen ging es zu der Bude mit der debil grinsenden Bratwurst. Als die Wurstesser bereits satt waren, orderte ich Pommes. Nach dem Spiel dr√ľckte und gratulierte man sich. Die Kuchenb√§ckerin hatte sich schon eher verabschiedet, sie musste ihre witzigen kleinen Jungs ins Bett bringen. Zum Abschied dr√ľckten wir uns herzlich. Der Pelzkragen dr√§ngte sich dazwischen.

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2 Gedanken zu „Das Leben der Anderen

  1. Ich kann verstehen wie du dich f√ľhlst, mir geht es da oft √§hnlich. Grade vor kurzem hab ich mit meiner Mutter besprochen, wie wir das mit dem Weihnachtsessen machen. Wir essen immer bei uns und jeder tr√§gt was bei. Wir machen klassischerweise die Beilagen, Kn√∂del, So√üe, Gem√ľse und so. Fleisch bringt sie sich und ihrem Freund selber mit. Ohne ist nat√ľrlich undenkbar. Und w√§hrend sie sich dar√ľber unterhalten, welches Fleisch denn am zartesten und festlichsten ist gehen mir die selben Bilder durch den Kopf, wie du sie da oben beschreibst.

    Und als ich neulich eine Freundin verabschiedet habe war beim Umarmen mein einziger Gedanke, ob dieser Pelzkragen an ihrer Jacke nur furchtbar echt aussieht oder es tats√§chlich ist. Man sieht √ľberall diese „Selbstverst√§ndlichkeiten“ im Alltag und m√∂chte eigentlich gerne dran verzweifeln.

    • Danke f√ľr Deinen Bericht. F√ľhl Dich mal umarmt. Wir brauchen einfach gen√ľgend Kontakt zu Menschen, die das ebenso realisieren (wollen) – mit Kopf und Herz, die sich ihrer Verantwortung bewusst sind und dieses Bewusstsein mit Leben f√ľllen. Danke, alles Liebe und Gute – f√ľr Weihnachten schick ich Euch nen lieben Gedanken.ūüíč Maria (das halbe Stefmarian)

Ein Gedanke von mir:

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