Karnismus – Wer entscheidet, dass ich Fleisch esse?

Hier in unserem Blog hatten wir einmal einen Videobeitrag über ein Restaurant vorgestellt, das Hunde- und Katzenfleisch serviert. Dazu bekamen wir interessanterweise so gut wie keine Rückmeldung – außer von einer Freundin, die auf dem Land groß geworden ist und in selbstreflektierender Weise am Ende ihrer langen Mail zu folgenden Fragen gelangte: „Aber was soll ich tun? Oder hast Du einen bestimmten Wunsch? Dagegen voten? Auf der Seite einen Kommentar abgeben? Wo ich selbst Fleisch esse?“ (More about carnism for english speakers below)

Was die Freundin in diesem Moment nicht wusste
Das Restaurant existiert gar nicht und der Videobeitrag diente in Wahrheit allein dazu, dass die Zuschauer fernab vom gewohnten Alltag, fern der eigenen kulturellen Traditionen und Gewohnheiten eine Sache neu (unbeeinflusster) bewerten können, indem ein völlig selbstverständlich erscheinender Sachverhalt in einem ungewohnten Zusammenhang gezeigt wird, nämlich der Sachverhalt, dass wir (nun einmal) Tiere töten und ihre Körperteile zu Nahrung verarbeiten. Dieser an sich gewalttätige Aspekt wird gewöhnlich mit Normalität, Naturnähe, Tradition, Genuss, ja sogar Liebe assoziiert und auch so vermarktet. Dementsprechend zeigt das Video in sinnlicher Ästhetik einen naturverbundenen sympathischen Küchenchef, der sich der Traditionen seiner Großeltern besinnt, Katzen züchtet und am Ende seinen Gästen liebevoll zubereiteten Katzen- und Hundebraten serviert.

Wir hatten das Video nicht kommentiert, wollten es einfach wirken lassen, kein Fazit vorgeben. Während wir nur eine einzige – sehr sachliche – Rückmeldung erhielten, konnten sich die Macher des Videos vor Feedback zu „ihrem Restaurant“ nicht retten: Sie wurden im Netz beschimpft und bepöbelt, was das Zeug hielt. Sie seien Katzen- und Hundeschänder, Mörder, Tierquäler, pervers usw. Selbst nach der Aufklärung, dass alles nur ein Gedankenexperiment war, nahmen es die Leute ob der bloßen Vorstellung des Ganzen immer noch übel. Dieselben Leute reagierten immun auf den Hinweis, dass Rinder, Hühner, Schweine und Schafe dasselbe erleiden, bevor ihre Körperteile auf dem Teller landen. Viele Leute sahen es nach wie vor als großen Unterschied an, ob nun den Tieren, die sie als „Haustiere“ kennen oder „Nutztieren“ ein solches Schicksal widerfährt, und sie machten ihrer Empörung darüber Luft.

Was wir in diesem Moment nicht wussten
Da in dem Video von einem „Schweizer Restaurant“ die Rede war und Schweizer Begriffe für Katzen- und Hundebraten fielen, hatten wir später dazu recherchiert und für uns Neues herausgefunden: „Mostbröckli“ und „Büsirücken“ gibt es in der Schweiz tatsächlich und auch schon lange, wie etwa dieses Interview belegt (Video). In jedem Land ist es gesetzlich streng geregelt, welche Tiere als s.g. Nutztiere gehalten, welche vorzeitig getötet und verzehrt werden dürfen und welche nicht. Die Hunde-, Katzen- oder Pferdefleisch essenden Leute im Interview erkennen diese Doppelmoral und rechtfertigen deshalb ihre eigene Vorliebe, bzw. die ihrer Nation. Eine Frau sagt, auch Hühner seien niedlich, aber die äße man schließlich auch und es sei nicht verboten. Bei einer Befragung durch den Schweizer „Tages-Anzeiger“ schildert ein Landwirt ohne großes Aufheben, wie er Hunde erschießt oder mit einem Knüppel totschlägt und sie anschließend verarbeiten lässt, um ihr Fleisch zu servieren.

Normale Grausamkeiten
Obwohl die Schilderungen grausam anmuten, sind viele der Befragten gedanklich einen Schritt weiter als viele andere Menschen, die sich am vermeintlichen Gebrauchsorganismus „Tier“ bedienen. Denn sie haben erkannt, wie willkürlich unterschieden wird, welche Tiere als ungenießbar, als Familienmitglied oder aber als Nahrung oder anderweitig nutzbar betrachtet werden, und dass diese Einteilung im Grunde ungerecht ist. Das Phänomen, das sie damit umschreiben, nennt sich Speziesismus – eine willkürliche Hierarchisierung oder Opferrollen-Zuschreibung allein aufgrund der Artzugehörigkeit. Tief verankerter Speziesismus setzt uns imstande, eine Petition gegen das Abschlachten von Robben oder Delphinen zu unterschreiben, während wir uns gerade ein Kalbsschnitzel oder Döner (Lammfleisch) reinzehren.

Die Interviewten mögen angesichts ihrer Verteidigungsrolle vor der Mehrheit der Nicht-Hunde-und-Katzenesser einen Gedanken weiter sein, indem sie besagte Willkür benennen, doch zu Ende gedacht ist die Sache damit nicht. Auch sie sind – wie wir alle – in einem unsichtbaren Glaubens- und Wertesystem gefangen, in welchem jede/r Hineingeborene erlernt, Empathie für bestimmte Mitwesen auszuschalten und sie zu „Nutztieren“ zu degradieren, statt sie als fühlende Individuen mit eigenen Bestrebungen anzuerkennen. Wir wachsen in eine Welt hinein, die auf der Ausbeutung anderer basiert, und ein Ausdruck davon ist Speziesismus, die Ausbeutung und Degradierung von bestimmten nichtmenschlichen Wirbeltieren zur bloßen Zweckdienlichkeit des Menschen, im Extremfall zum Rohstofflieferanten der eigenen Körpermasse. Ermöglicht wird das durch ein Glaubens- und Wertesystem, das uns diese Ausbeutung und Degradierung als normal, natürlich und notwendig erscheinen lässt. Allein schon, dieses System forschend infrage zu stellen, mutet uns unrealistisch und weltfremd an – Gewohnheit wird mit „Realität“ verwechselt, genauer mit naturgesetzlicher Normalität.

Die freie Entscheidung, Fleisch zu essen
Jenes unsichtbare System, das unsere Betrachtungs- und Handlungsweisen hinsichtlich unserer nichtmenschlichen Gegenüber regelt und deren Ausbeutung (Speziesismus) rechtfertigt, nennt sich Karnismus (von lat. carne = Fleisch). Es ist allgegenwärtig und suggeriert uns von Geburt an und mit Hilfe fast aller gesellschaftlichen Institutionen (Familie, Schule, Ausbildung, Arztpraxen, Medien), dass Fleischkonsum normal, natürlich und notwendig sei. So wie vieles andere, wird diese Prämisse mit dem Aufwachsen in unserer Kultur unhinterfragt übernommen – ob sie nun wahr ist oder nicht. In Wahrheit hat keiner von uns sich dafür „entschieden“, Fleisch zu essen, auch wenn wir es als freie Entscheidung empfinden: Wir haben das Fleischessen so vorgefunden, wurden mit Fleisch gefüttert und haben dieses Verhalten internalisiert. Um sich der Wahrheit anzunähern und wirklich zu einer eigenen selbstbestimmten Haltung zu gelangen, ist es unerlässlich, die drei N auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen, indem man dazu Fragen stellt, z.B.:

Normal – Wer gibt diese Norm vor? Ist es „normal“, dass wir nicht gesehen haben, was mit dem Lebewesen passierte, von dem unser Fleisch stammt, und warum ist das so?
Natürlich – Wie essen die anderen fleischfressenden Tiere Fleisch? Etwa nur das Muskelfleisch ohne Magen- und Darminhalt? Wie natürlich ist es, ein gekochtes oder gebratenes Körperteil zu essen, dazu von einem krankgezüchteten, eingesperrten, mit künstlichem Futter und Medikamenten gepäppelten und meist unter Ausschluss von Sonnenlicht gehaltenen Wesen?
Notwendig – Sind wir tatsächlich ohne Fleisch nicht lebensfähig? Ist unser Körper nur mit Hilfe von Fleisch oder anderen tierischen Produkten funktionsfähig? Machen sie uns gar besonders fit?

Das sind nur einige Beispiele von Fragen, die man dazu stellen könnte, wie normal, natürlich und notwendig das Konsumieren tierlicher Erzeugnisse tatsächlich ist. Neben bloßen Ernährungsfragen spielen hier auch weitere Themen wie Gerechtigkeit und Ethik, Welthunger, Zoonosengefahr, Pandemien, multiresistente Keime, Artensterben, Gülleproblematik, Verwüstung durch Futtermittelanbau und weitere Themen eine alarmierende Rolle und hinterfragen ebenso die genannten drei N. Das soll an dieser Stelle jedoch nicht vertieft werden (Artikel dazu finden sich in der Kategorie „Vegan“). Hier geht es zunächst darum, sich selber Fragen zu stellen zu diesen „drei N“, die gewöhnlich der Rechtfertigung jedes dominanten Glaubens- und Wertesystems dienen. Über die eigenen Fragen dringt man tiefer in die Thematik und kann sie sich Stück für Stück erschließen.

Vermutlich ist der erste Impuls, das System zu rechtfertigen und Bestätigung für die klassischen „drei N“ zu suchen, sie also nach Kräften zu verteidigen. Wer allerdings genauer nachhakt und sich um ehrliche Antworten bemüht, wird entlarven können, dass es sich um Mythen handelt. Die drei N sind Mittel zum Zweck und bar jeder reellen Grundlage, wie auch die Sozialwissenschaftlerin Melanie Joy herausgefunden hat, die über den Karnismus promovierte. Durch besagte Fragetechnik und die objektive Beantwortung der eigenen Fragen, lässt sich das selbsttätig nachweisen.

Eine gewalttätige Ideologie
Der Karnismus basiert also auf der Prämisse, normal, natürlich oder notwendig zu sein – ohne es zu sein. Im Gegensatz zu anderen (echten) Grundprinzipien des Zusammenlebens, auf die die drei N tatsächlich zutreffen, handelt es sich beim Karnismus um alles andere als ein nützliches Gefüge. Ganz im Gegenteil konnte Joy belegen, dass es sich dabei um eine gewalttätige Ideologie handelt, die nicht etwa nur andere Spezies unterdrückt, sondern auch uns Menschen. Wie jede dominante gesellschaftliche Struktur ist sie schwer fassbar, weil sie allgegenwärtig ist und wir mitten drin stecken. Dem Karnismus liegen dieselben Strukturen wie etwa dem Sexismus oder Rassismus zugrunde, und auch die Verteidigungsmechanismen sind nahezu dieselben.

Anhand von Interviews, Gedankenexperimenten und Studien wies sie nach, wie der Mythos der drei N uns von Geburt an normt, wie er unsere Entscheidungsfreiheit und die Fähigkeit zu logischen Schlussfolgerungen sowie folgerichtigem Handeln blockiert und wie er unser Denken und Handeln in vorherbestimmte Richtungen lenkt, die wir fälschlich als „eigene Entscheidung“ ansehen. Des weiteren analysierte sie, wie dieses unsichtbare Glaubenssystem sich selbst erhält, und legt damit seine manipulativen omnipräsenten Strukturen offen, die bis in Politik und Bildung hineinreichen und dabei sogar kriminelle Züge annehmen, wie sie anhand diverser Vorfälle und Quellrecherchen dokumentierte. Ihre Arbeit hat sie in allgemeinverständliche Form gebracht unter dem Buchtitel „Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen“. Auf der Seite Karnismus-erkennen.de findet sich zu ihren Ansätzen ein kurzes Video mit deutschen Untertiteln.

Sich mit dem System „Karnismus“ zu befassen war für uns sehr aufschlussreich und befreiend, nicht nur hinsichtlich der Befreiung aus dem Korsett jenes – erschreckend allgegenwärtigen – Systems, sondern auch im Hinblick auf andere unbewusste dominante Denk- und Lebensstrukturen, da die Mechanismen dieselben sind.

Probiert es aus und teilt uns Eure Erkenntnisse mit. Gern unten als Kommentar oder privat über das Mailformular. Wir freuen uns!


Summary: We believe it’s normal, natural and necessary to eat meat. But if we look closer, it turns out that this „three N“ are myths. In fact the myth of the three N is an integral part of every suppression system. In the first moment this appears as nonsense, because we learned that the „three N“, which justify eating animals, are „the reality“ and other views are irrational or just sentimentality.

Social psycholist Ph.D. Melanie Joy researches in this area. Initially she focused on the psychosociology of violence and discrimination, but later she came to a point where she shifted to questions about the psychology of eating meat. She found an underlying belief system that she called carnism, that enables us as empathic beings to eat animals without disgust and without bad conscience, which we would normally feel. To illustrate the effect of this system she uses thought experiments, e.g. to imagine that the delicious piece of meat on the plate comes from a dog.

In a short video clip on the website Carnism.org, Dr. Joy lets you discover, how carnism works.

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Ein Gedanke zu „Karnismus – Wer entscheidet, dass ich Fleisch esse?

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