Warum will der Minister die Wurst verbieten?

Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt erklärte in einem Interview, dass er Bezeichnungen wie „Vegane Currywurst“ und „Veganes Schnitzel“ verbieten lassen möchte, da sie den Verbraucher täuschen würden. Aber woher weiß er das? Ein Anruf im Bundeslandwirtschaftsministerium.

Die Antworten sind sehr vielsagend – wir lassen sie einfach mal unkommentiert so stehen. (English summary below)

herzlich willkommen beim verbraucherlotsen, der bürgerauskunft des bundesministeriums für ernährung und landwirtschaft... Guten Tag, mein Name ist M, was kann ich für Sie tun?

stefmarian: Guten Tag Frau M, mein Name ist S.T. aus H. Ich rufe an wegen der Initiative des Landwirtschaftsministers, die in den letzten Tagen durch die Medien ging – wegen der Produktbezeichnungen für vegetarische und vegane Produkte.

Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL): Ja.

stefmarian: Der Minister hat gesagt, dass er Bezeichnungen wie Schnitzel und Wurst verbieten möchte. Was mich interessiert: Auf Basis welcher Erkenntnisse oder Untersuchungen ist da jetzt der Handlungsbedarf erkannt worden?

BMEL: Darf ich fragen, mit welchem Hintergrund Sie anrufen?

stefmarian: Das wird der Minister ja wahrscheinlich nicht einfach so in die laue Luft hinein gesagt haben, sondern das beruht ja bestimmt auf Erkenntnissen im Ministerium, dass hier ein Handlungsbedarf besteht. Untersuchungen, Befragungen oder was auch immer. Mich interessiert die Datengrundlage – welche Erkenntnisse des Ministeriums dazu geführt haben, dass jetzt dieser Handlungsbedarf erkannt wurde.

BMEL: Das war als Kompromiss gedacht für Verbraucher, die sich getäuscht fühlen könnten

stefmarian: Könnten?

BMEL: Es wurden auch viele Verbraucher getäuscht, glauben Sie mir das!

stefmarian: Ja.

BMEL: Und dann gibt es noch die Leitsätze, kennen Sie das, ist das Ihnen ein Begriff?

stefmarian: Nein, das ist mir kein Begriff.

BMEL: Da werden Lebensmittel nach ihrer Beschaffenheit definiert. Das ist zwar keine Rechtsgrundlage in Deutschland, es wird aber oft bei Gerichtsverfahren zur Hand genommen. Zum Beispiel der Begriff Käse, der ist gesetzlich geschützt. Also es gibt keinen vegetarischen Käse. Das finden Sie nicht in den Regalen. Wohl aber Genießerscheiben neben dem Käse. Verstehen Sie?

Da vergreifen sich Verbraucher auch oft. Nur da darf es nicht verwendet werden, weil der Begriff Käse gesetzlich geschützt ist. Und Fleisch und Schnitzel oder Wurst sind nicht geschützt. Deswegen ist es eine Grauzone.

stefmarian: Jetzt haben Sie gerade gesagt, Verbraucher wurden getäuscht. Meine Frage zielt ja darauf ab, woher diese Erkenntnis kommt. Gab es Untersuchungen in dieser Hinsicht?

BMEL: Verbraucherbeschwerden. Da sitzen wir hier ja an vorderster Front. Da gab es auch schon Beschwerden, was das Wort Wurst da zu suchen hat.

Und umgekehrt dann auch wieder das Fleischerhandwerk – die sagen: Moment mal, unsere Bratwurst – ja, es gibt keine vegetarische Wurst.

stefmarian: Haben Sie denn irgendwelche Zahlen dazu, eine Statistik, wie viele Verbraucher angerufen haben und sich da konkret getäuscht gefühlt haben?

BMEL: Nein so was haben wir nicht. Das sind allgemeine Beschwerden.

stefmarian: Gut, OK. Aber das Fleischereihandwerk hat sich beschwert, habe ich verstanden.

BMEL: Zum Beispiel. Denn für die ist es ja elementar. Also Currywurst vegetarisch ist eine Täuschung. Das sind traditionell hergestellte Produkte einer bestimmten Unternehmenssparte, die das seit Jahrhunderten verkaufen.

stefmarian: Naja, wenn man sich mal im Herkunftswörterbuch die Definitionen anguckt – „Schnitzel“ zum Beispiel kommt ja vom abgeschnittenen Stück Obst.

BMEL: Das ist halt der Streitpunkt jetzt.

stefmarian: Also von der Sprachherkunft kann man es nicht begründen. Deswegen war ja genau meine Frage: Warum kommt es genau jetzt zu dieser Initiative? Gibt es jetzt einen Zustand, den es früher nicht gab, vor zehn Jahren oder vor fünf Jahren?

BMEL: Der Anteil dieser Produkte ist halt massiv angestiegen, und dann gibt es schon Reibereien.

stefmarian: Welche Reibereien konkret?

BMEL: Das, was ich Ihnen gerade gesagt habe. Zum einen die Verbrauchertäuschung, und auf der anderen Seite haben wir eben Unternehmen, die sagen, das gehört gesetzlich geschützt. Wie auch Käse zum Beispiel, oder Milch. Das sind Begriffe, die sind gesetzlich geschützt. Es gibt keine Sojamilch.

stefmarian: Und so Sachen wie Leberkäse und Kokosmilch?

BMEL: Das hat was mit traditionellen Lebensmitteln zu tun. Leberkäse ist ausgenommen, weil es ein traditionelles Lebensmittel ist, genau wie Kokosmilch.
Aber Sojamilch ist nicht traditionell bei uns. Und deswegen ist Sojamilch nicht zulässig. Das heißt jetzt Sojadrink und damit hat sich das. Das hat mit Milch nicht das Allergeringste zu tun. Kokos ist eine Ausnahme. Man hat möglicherweise jahrhundertelang Kokosmilch gesagt, und dann ist das auch schwer wieder rauszukriegen.

stefmarian: Also, zusammenfassend: Auf Grund des erhöhten Marktanteils dieser Produkte gab es vermehrte Beschwerden seitens der Metzgereien und auch der Verbraucher, die sich getäuscht fühlen?

BMEL: Ja, noch nicht mal Metzgereien, sondern überhaupt Unternehmen, nicht nur kleine Metzger.

stefmarian: Also der Unternehmen. Man kann aber jetzt nicht beziffern, wie viele Verbraucher jetzt wirklich ernsthaft getäuscht wurden. Es gibt Beschwerden, aber Sie können nicht sagen, wie viele Beschwerden es jetzt tatsächlich gibt.

BMEL: Nein.

stefmarian: Das heißt also: Das Argument, der Verbraucher wurde getäuscht, was ja vom Minister genannt wurde, ist nicht nachvollziehbar. Die Industrie hat sich beschwert, aber das hat er ja nicht gesagt. Er hat gesagt, der Verbraucher wurde getäuscht. Sie haben ja gerade gesagt, das ist nicht durch Zahlen nachvollziehbar.

BMEL: Also verstärkt sind es die Verbraucher, die sich darüber beschweren.

stefmarian: Ja, aber wenn Sie jetzt „verstärkt“ sagen, dann heißt das ja, es ist nachvollziehbar, dass es früher weniger Beschwerden gab und jetzt mehr Beschwerden gibt.

BMEL: Ja, das hatten wir ja gerade besprochen.

stefmarian: Naja, ich hatte jetzt noch in Erinnerung, dass Sie gesagt hatten, dass es keine Zahlen darüber gibt.

BMEL: Nein.

stefmarian: Jetzt hatten Sie aber gesagt es ist „verstärkt“. Also ist es gefühlt verstärkt?

BMEL: Der Marktanteil hat sich erhöht, und demnach auch die Streitpunkte. Natürlich sind mehr strittige Situationen entstanden als noch vor 10 Jahren, wo es sowas kaum in den Regalen gab.

Kennen Sie denn das Lebensmittelportal „Lebensmittelklarheit“? Da gibt es Diskussionen dazu. Da sind mehrere Beiträge dazu.

stefmarian: Wenn künftig Currywurst nicht mehr Currywurst heißen dürfte, nur weil sie vegetarisch ist, würde ich mich auch getäuscht fühlen. Unter einer Wurst verstehe ich die Form.

BMEL: Ja, das das ist eben der Streitpunkt, wie das jetzt weiter gehandhabt werden soll. Da wird im Moment an den Leitsätzen gearbeitet. Das sind Aufmachungsfragen bei solchen Produkten. Dafür ist die deutsche Lebensmittelbuchkommission zuständig.

Da gibt´s ja diese Leitsätze für „Fleisch und Fleischerzeugnisse“ oder „Wurst und Wursterzeugnisse“, „Fleisch- und Wursterzeugnisse“ oder wie auch immer. Da sind Definitionen drin… Aber natürlich nicht für vegetarische Produkte.

Es ist ein grundsätzliches Verbot, Lebensmittel unter irreführender Bezeichnung in Verkehr zu bringen. Es soll gewährleistet werden, dass diese Produkte unterscheidbar sind. Und zwar einfach.

stefmarian: Und da reicht ein großer Hinweis, dass es vegetarisch oder vegan ist nicht aus? Ist der Verbraucher aus Sicht des Ministeriums nicht kompetent genug, das dann zu erkennen?

BMEL: Das ist eben der Streitpunkt.

stefmarian: Gut. Das heißt zusammenfassend, es gibt jetzt mehr dieser Lebensmittel auf dem Markt, es gibt Beschwerden von der Industrie, und es wird vermutet, dass es mehr Verbraucherbeschwerden als früher gibt.

BMEL: Also gefühlt ist das eigentlich in der Öffentlichkeit ein Thema. Und zwar mehr als früher. Da werden Sie mir doch wohl Recht geben.

stefmarian: Ich hatte ja genau deshalb angerufen, weil ich gerne mal belastbare Zahlen zu dem Thema gehabt hätte.

BMEL: Nein, da haben wir nichts.

stefmarian: Ich persönlich kann mir nicht vorstellen, wenn da „vegetarisch“ drauf steht, dass jemand glaubt, dass da Fleisch drin ist.

BMEL: Das ist jetzt aber die Frage. Zum Beispiel Käse – diese beiden Produkte stehen teilweise nebeneinander im Kühlregal.

Zusammengekleistert: eine vegane Wurst

Zusammengekleistert: eine vegane Wurst

Natürlich und gesund: eine „echte Mortadella“

Und, wenn ich mir die schön zusammengekleisterte Zusatzstoff-vegetarische Wurst anschaue, in so einer Klarsichtfolie, die sieht genauso aus wie eine echte Mortadella.

stefmarian: Die echte Mortadella ist also gesünder und ohne Zusatzstoffe zusammengekleistert?

BMEL: Nein nein nein, das ist ganz normale Wurst. Natürlich ist eine Wurst ohne Zusatzstoffe nicht herstellbar. Das will ich jetzt gar nicht in Abrede stellen. Aber um ein Produkt zu erschaffen, was in der Konsistenz, in der Farbe, im Geschmack so ähnlich schmeckt und auch so aussieht, also das ist schon nicht so ohne. Das ist schon zusammengebastelt.

stefmarian: Na gut, dann bin ich mal gespannt wie das weitergeht. Erstmal schönen Dank für die Auskunft! Tschüss!

BMEL: Bitte! Tschüss!

Header: Vegane CurryWURST

Update: Inzwischen hat der VEBU eine Petition gestartet. Wer sich als Verbraucher/in nicht für eine Lobby verwursten lassen will, kann diese hier unterzeichnen: vebu.de/wumistoppen


English summary: The german farming Minister wants to ban words like „sausage“ and „schnitzel“ for vegetarian products – to protect the consumers. We called the ministry of agriculture and asked, what eveidence there is that consumers have been deceived by these words. The answers are very telling – there are no examinations or statistics about the number of deceived consumers. But there are complaints from the industry…

Advertisements

9 Gedanken zu „Warum will der Minister die Wurst verbieten?

    • Werbung genehmigt. 😉 Super Sache! Wir wollten das sowieso ergänzen. Bitte alle unterschreiben und weiterpetzen. Wir müssen uns hier nicht veräppeln lassen oder gar verwursten! Strategische Machenschaften haben nichts mit „Verbraucherschutz“ zu tun – es ist Verbraucherverdummung, nicht Verbraucherschutz.

Ein Gedanke von mir:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s