Ich bin zu doof zum Konversieren

Menschen, die sich für nichts oder für allgemein angesagte Dinge einsetzten, oder die brav und unreflektiert über nahezu jeden Witz lachen, haben es leicht. Aus bestimmten Gründen gehöre ich nicht dazu. Auch wenn ich gerne lache. Ich bin eine, die auch in einer Freundschaft nicht immer zustimmen oder einer Meinung sein muss. Ich kann solche Unterschiede akzeptieren, ohne sie persönlich zu nehmen. Allerdings möchte ich sie nicht zum Tabu erklären und darüber reden können, wenn eine Haltung einmal auch für mich persönlich oder sogar den Rest der Welt von Belang ist. (English summary below)

Rot oder Blau oder Nazi?
Müßig finde ich z.B. darüber zu debbatieren, ob nun jemand blaue oder rote Blumen, Frauen oder Männer oder Vanillepudding mag (wobei ich Schokopudding bevorzuge). Wenn es jedoch um Haltungen geht, wo andere ausgebeutet oder ausgegrenzt werden, dann verspüre ich durchaus den Drang, darüber sprechen zu wollen in der Hoffnung, das Gegenüber zum Nachdenken anzuregen. Und tatsächlich ernte ich durchaus Zustimmung und Verständnis, wenn ich gegen rechtspopulistische Äußerungen argumentiere – weil hierbei viele meine Haltung teilen und dafür selbst bereits ein Bewusstsein haben (zum Glück!), es ist für sie nichts Neues. Wenn es allerdings etwa darum geht, dass auch über das, was ich tagtäglich auf meinem Teller habe, im hohen Maße Leid und Ausbeutung gefördert werden können, dann stoße ich naturgemäß auf Abwehr, denn 1. setzt es beim Existenziellen an, nämlich dem Fressen (gemäß Berthold Brecht: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral.“), 2. fühlt sich das Gegenüber als solches unmittelbar von mir in die Zange genommen, sofern es sich selbst als Teil der angesprochenen Umstände und sich somit angegriffen wähnt, 3. existiert gesamtgesellschaftlich noch zu wenig Bewusstsein über diese Umstände und sie gelten vielmehr als normal und 4. fühlt sich das Gegenüber durch diese Dinge von enormer Einschränkung bedroht, da es zeitlebens keine andere Perspektive kennengelernt hat – auch nicht im praktischen alltäglichen Sinne.

Wenn Unterschiede beide Seiten betreffen
An dieser Stelle möchte ich das nicht vertiefen, denn es soll hier nicht zentral um meinen „Spleen“ gehen, gegen Tierleid auf dem Teller zu handeln. Es soll vielmehr als ein Paradebeispiel dienen, an welchen Punkten eine Konversation in meiner Welt zu kippen droht. Es sei nur soviel gesagt, dass gerade dieses Thema derart sensibel zu sein scheint, dass ich mir angewöhnt habe, es seltener und in ruhigeren Situationen anzusprechen als ich es früher getan habe – und es tatsächlich auch selbst teilweise zu tabuisieren, damit Konversationen nicht ausarten. Im konkreten Fall heißt das, wenn eine Gruppe Leute, in der ich Teil bin, mal wieder orgastisch von gebratenen Körperteilen gequälter Mitwesen extasieren, dass ich dann oft die Klappe halte. Einfach ist das nicht, vor allem in den Fällen, wo ich das Getue auf meine Gegenwart zurückführe. Geht das Gespräch in meine Richtung (was ich besser finde, was aber nicht oft der Fall ist, oft bleibt es beim mich ausgrenzenden Gefrotzel), gebe ich mittlerweile häufig zu verstehen, dass ich jetzt hier in dieser Runde dazu nichts weiter sagen möchte und man sich darüber gerne mal persönlich und in Ruhe unterhalten kann. Und es sei gesagt, dass gerade dieses Thema auch teilweise zwischen mir und mir werten Menschen und Familienmitgliedern steht und sich dadurch Kontakte merklich abgekühlt haben – eine schmerzende Erkenntnis, die sich erst durch Unterschiede zeigt. Das erinnert mich daran, wie mir vor langer Zeit alle Freundinnen den Rücken zukehrten, als ich schweren Liebeskummer hatte. Ausgerechnet die größte Partykillerin blieb treu an meiner Seite – und ich bin ihr dafür dankbar bis in alle Ewigkeit, mag sie noch so ein Stinkstiefel sein! Holy Stinkstiefel!

Wie mache ich mich möglichst unsympathisch?
Außerdem tu ich mich nicht nur inhaltlich schwer bei Begegnungen. Oft rede ich zu viel. Das liegt daran, dass ich eigentich schüchtern und oft furchbar nervös und dadurch hibbelig bin. Und ich werde umso nervöser, je mehr ich befürchte, Minuspunkte zu sammeln beim Gegenüber. Ich will dann zeigen, dass ich doch gar nicht so schlimm bin, und versuche es auf die lustige Tour, vielleicht auch, um etwas gegen meine eigene Panik zu setzen. Das geht natürlich gründlich daneben. Ich schätze, damit habe ich in den allermeisten Fällen jede Chance auf Tiefe in einem Kontakt für immer vernichtet. Andererseits gehört eine gewisse(!) Quirligkeit und Verrücktheit einfach zu mir. Ich fürchte, viele verwechseln das mit Oberflächlichkeit. Naturgemäß habe ich nicht viele Freunde, ich möchte allerdings auch nicht Freunde um jeden Preis, denn das wären nur Scheinfreunde.

Und warum schreibe ich das?
Weil ich denke, dass es auch anderen so geht, vielleicht fühlt sich jemand verstanden. Vielleicht setzt es auch ein wenig mehr Verständnis im alltäglichen Miteinander. Oft sind die Hibbeligen ängstlich, ja manchmal sogar traurig – genauso, wie die böse Guckenden oder die chronisch Immerwichtigen. Urteile fallen so verdammt schnell. Vor allem schreibe ich es, weil ich denke, man muss nicht immer nur Triumphe präsentieren, sondern darf ein ganzer Mensch sein – mit tollen und mit wehen Seiten. Jede/r darf das!

Maria


English: I’m not good in conversation. I’m extroverted but shy. Often I’m so nervous that I talk too much. Additionally I’m not the one who laugh at any joke. I haven’t any dictator in my soul who gives me the order that I always has to be with my conversation partner. Different point of views are normal and I can accept this. I also demand this for myself. But in practice this is a difficult point. Different perspectives are often taken personally. Therefore some of my friendships has been cooled down and some friendships have not even come into being. That’s sad. I wish people could take a closer look before they make a judgment.

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