Chico: Medien machen Meinung

Wie Medien einen Hype kreieren und steuern am Beispiel einer traurigen Geschichte

Den beiden getöteten Menschen konnte niemand mehr helfen. Die Aufmerksamkeit richtete sich jetzt auf den Täter, den Hund. Der Entschluss, „Chico“ einzuschläfern, schien der Berichterstattung zufolge bereits getroffen. Doch es entbrannte eine Welle der Solidarität für den Hund. Die Medien hatten zuvor von widrigen Haltungsumständen und Behördenversäumnissen berichtet. Es regte sich Mitleid, der vermeintliche Täter erschienen als Opfer. Viele Menschen diskutierten in den sozialen Netzwerken, es ging um Schuld oder Unschuld, die geplante Tötung wurde als Strafe aufgefasst und als solche oftmals als ungerecht empfunden.

Die Berichterstattung kreiste fast ausschließlich um den Hund, seine widrigen Lebensumstände und das Versagen der Behörden. Die meiste Zeit seiner Tage soll der Hund eingesperrt gewesen sein – in einem Käfig. Er kam oft nicht mal zum Gassigehen raus. Die Namen der verunglückten Menschen wurden auch hie und da erwähnt, sie waren in den Medien aber lange nicht so gegenwärtig. Fast jede Schlagzeile zu dem Fall enthielt den Namen des Hundes, nicht die der getöteten Menschen. Schließlich wurde für den Hund eine Petition gestartet. Sie fand enorme Unterstützung. Es gab Spendenzusagen, um Chicos Weiterleben unter geschützten Bedingungen zu finanzieren.

Etliche Presseorgane mutmaßten daraufhin, dass den Chico-Fürsprechern der Hund wichtiger sei als die Menschen. Es wurde suggeriert, dass Leute, die für den Hund eintraten, damit zugleich gegen die Opfer seiner tödlichen Beißattacke und gegen die Hinterbliebenen eintraten. Tatsächlich fanden sich in den sozialen Netzwerken Kommentare, in denen abgrundtief Verächtliches über die verstorbene Frau und ihren Sohn geäußert wurde. Solche Kommentare sind inzwischen bei nahezu allen Streitthemen gangundgäbe. In diesem Fall wurden sie von vielen Medien gezielt herausgegriffen, um allen Menschen, die Mitleid mit dem Hund hatten, vielfach sogar generell allen Tierschützern, eine gemeinsame Grundhaltung zu unterstellen in Form von Verblendung, Naivität und Menschenverachtung. Prompt hagelte es in den Netzwerken vermehrte Häme gegen Menschen, die sich für Chico einsetzten.

Wer interessiert sich für die Opfer und für die Hinterbliebenen?, fragen die Medien. Die Medien selbst jedenfalls interessierten sich für diese Menschen kaum – und werfen nun Selbiges ihren Lesern und Zuschauern vor. Die Medien haben ihren Fokus auf den Hund gelegt und exzessiv über ihn berichtet. Und jetzt moralisieren sie an ihren Zuschauern, Zuhören und Lesern herum, dass sie Mitleid mit dem Hund empfanden – und dass sie nun um ihn trauern. Das Thema ist dankbar und hält sich selbst warm.

Inzwischen wird, wie derzeit fast alles, was die Gemüter erregt, auch der Hype und die Trauer um Chico missbraucht von Menschenfeinden und von Verschwörungstheoretikern. Gemutmaßte und tatsächliche Ungereimtheiten um Chicos Tötung sind Wasser auf deren Mühlen, die auch absurde Mythen um den Beißvorfall verbreiten. Nichts ist zu schade für die Egomanie der einen und das Entertainment der anderen.

Die Hauptgewinner an dem ganzen Elend sind wie immer die Medien.


Durch die Beißattacke ihres Hundes verunfallten Lezime K. (52) und ihr Sohn Liridon K. (27) tödlich. Zurück bleiben Lezimes drei Töchter, zugleich Liridons jüngere Schwestern. Die drei wohnten nicht mit in der Wohnung. In die Entscheidung, Chico zu töten, waren sie nicht involviert. Sie wurden im Nachhinein über die Tötung in Kenntnis gesetzt. Desweiteren gibt es noch den Vater und geschiedenen Ehemann. Er ist der Grund, warum Lezime K. auf den Rollstuhl angewiesen war. Chico sollte vermutlich Mutter und Sohn vor den Gewalttaten des Mannes beschützen – bittere Ironie. Beide waren gesundheitlich stark eingeschränkt und offensichtlich mit dem Hund überfordert. Nun sind sie tot und auch Chico.

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6 Gedanken zu „Chico: Medien machen Meinung

    • Tiere, die genauso empfindungsfähig wie Chico sind. Tiere, die sogar noch im Kindesalter gerötet werden. Tiere, wo nicht danach gefahndet wird, wer etwas versäumt hat, dass es ihnen so schlecht gegangen ist. Tiere, die man nicht tötet, weil man sich nicht anders zu helfen weiß, sondern aus Prinzip und aus Kalkül. Sie werden eingesperrt, gequält und getötet allein aus Profit und für den sogenannten Genuss, obwohl Menschen sich sehr gut, lecker und gesund gewaltfrei ernähren können.

      Auch die Wahl, welches Leid zum Thema gemacht wird und welches nicht, ist Meinungsmache. Das eine wird, wenn überhaupt, eher zurückgelehnt thematisiert und bei dem anderen rasten die Medien und die Gemüter aus. Allerdings ist hier Weiterentwicklung zu sehen, das Leid der sogenannten „Nutztiere“ wird immer öfter gezeigt und thematisiert, wenngleich es immer noch häufig heruntergespielt oder als selbstverständlich dargestellt wird.

      Noch aber ist es so, dass hierzulande immer mehr und mehr Tiere produziert, gequält, ausgebeutet und getötet werden. Der Zenit ist noch nicht erreicht. Wenn wir bedenken, dass daran noch mehr hängt, als „nur“ das gigantische Leid dieser Tiere, sondern auch Umweltkatastrophen, Menschenrechtsverletzungen und Hunger, dann ist nicht zu verstehen, dass es kein Dauerthema in den Medien ist und die verantwortlichen Politiker und Lobbyisten in Talkshows darüber täglich peinlichst befragt werden. Defacto ist es ein Skandal. Er wird medial nur nicht so behandelt.

  1. Auch Euer Blog gehört genau genommen auch zu den Medien; Verbreitung von Inhalten in der Öffentlichkeit. Und somit trägt ihr auch zu einer/der Meinung Euer Leser bei – der sogenannten Meinungsbildung. Doch was lesen Eure Leser wirklich daraus heraus? Oder was wollen die Leser daraus lesen? Gut die Überschrift sagt schon vieles, und so machen Medien auch Meinungen. Doch verstehen die Leser wirklich was sie lesen und wohin hinaus Ihr mit dem Textbeitrag wollt? Schwierig wenn man sich nur auf ein Medium als Quelle bezieht. Das sieht man schon am ersten und bis jetzt einzigen Kommentar. Es wird daraus etwas gelesen, was nicht Kernthema ist und auch nicht mal ansatzweise erwähnt wird. Ich würde laut sagen am Thema voll vorbei. Und da ich sehr viele verschiedene Medien konsumiere (Glaube eher konsumieren ist das falsche Wort) bilde ich meine Meinung eher aus dem Umfangreichen Wissen selber. Ok, ich habe Tendenzen gebildet aus Erfahrungen, Bildung und Wissen. Doch dieses hinterfrage ich immer wieder. Ich denke nicht nur, ich versuche immer auch nach- und mitzudenken. Nicht immer ist es sachlich richtig aber ich versuche es immer wieder.Manche Menschen sagen; zu oft und titulieren mich als Klugschei…er und Besserwisser. Aber damit kann ich inzwischen leben und es ist eben ihre Meinung — Wie war das Thema? Ach ja, „Medien machen Meinung“ Und nachdem ich Euren Beitrag noch mal gelesen habe sehe ich auch ihr seit von „Meinungslenkung“ ganz frei. Unbewusst, ja. Und doch habt ihr unter den Schlagwörtern/Tacks (auch Suchwörter) , nur den Hund hervorgehoben. Und nicht das Thema 😉 . Gruß Frank.

    • 《Und doch habt ihr unter den Schlagwörtern/Tacks (auch Suchwörter) , nur den Hund hervorgehoben. Und nicht das Thema》

      Die Tags tauchen bei WordPress hier und anderswo als Links auf, wo Interressierte draufklicken können und dienen auch Suchmaschinen als Schlagbegriffe. Wenn jemand jetzt beispielsweise auf den Link „Chico“ klickt, dann bekommt er u.a. unseren obigen Artikel angezeigt, der sich kritisch mit dem Hype und der daraus resultierenden medial gelenkten Spaltung befasst.

      Welches Schlagwort würdest du denn vorschlagen, damit Leute unseren Artikel finden, der das Beispiel Chico heranzieht, um auf die Nutzung und Steuerung von Emotionen durch die Medien aufmerksam zu machen? Unserer Meinung nach suchen die Leute nicht absichtlich nach einem solchen Artikel, sondern sie stoßen darauf, weil sie sich für den Fall Chico interessieren.

    • am thema vorbei? geht es hier nicht um heuchelei und scheinheiligkeit?
      ist die verbreitung seiner meinung, eines kommentars oder von wissen für dich dann immer „meinungsmache“? oder sind es informationen?
      nebenbei, warum kannst du „klugscheisser“ nicht ausschreiben? angst vor „meinungsmache“? das zum thema 😉 gruss geno

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