Rassismus: Mesut Özil hat genug

Ein deutscher Fußballnationalspieler tritt aufgrund langanhaltender rassistischer Beleidigungen zurück. Das steht für sich.

Einige Stimmen suchen dennoch nach mildernden Umständen für diesen Werteverfall. Sie raunen, vielleicht sei Özil selbst daran schuld, wenigstens ein bisschen. Als Corpus Delicti dient ein Foto, das ihn mit dem türkischen Präsidenten Erdogan zeigt; das sei Anbiederung an einen Despoten, so der Vorwurf.

Das Gebashe gegen Özil hat jedoch nicht erst mit dem Foto angefangen. Deshalb ist es müßig, hierin eine Begründung für die Stimmungsmache zu suchen. Dennoch ein paar Worte zu dem skandalumwitterten Lichbild: Erdogan greift sich ganz gerne Persönlichkeiten für Fotos. Nein zu sagen ist allein schon aus Höflichkeitsgründen nicht einfach, es hängt ja nicht nur die eigene Person dran, sondern auch z.b. Familie. Ein Nein wäre ein viel krasseres Signal als hierzulande, da die allgemeine Umgangsweise in der Türkei viel mehr von Höflichkeit geprägt ist als in Deutschland, während bei uns sogar eine öffentliche Distanzierung salonfähig ist. Wie überall geht es aus nationaler Sicht bei solchen Auftritten in erster Linie darum, dass der Präsident seine Nation verkörpert, es ist ein Auftritt vor der Nation. Dahingehend hatte sich Özil auch geäußert, als er am Sonntag auf Twitter eine ausführliche Erklärung hinterließ. Vor diesen Hintergründen ist das Zustandekommen des Fotos nachvollziehbar.

Dass „unser Lodda“ derweil dem nicht minder autokratischen russischen Präsidenten Putin ein Trikot schenkte, indes interessiert niemanden. Auch wenn deutsche Politiker sich mit Erdogan zeigen, kräht kaum ein Hahn danach, obwohl das weit mehr Symbolkraft hat, und noch mehr als das: Unsere Regierenden posieren nicht nur, sie paktieren. Sie bezahlen Erdogan dafür, Menschen in Not daran zu hindern, nach Europa zu kommen. Wo bleibt der öffentliche Skandal? Stattdessen wurden die Verantwortlichen wiedergewählt.

Özil indes wurde schon seit Jahren immer wieder rassistisch angegangen. Dass er Deutscher ist, will der Mob nicht anerkennen. Das Foto mit Erdogan liefert lediglich einen weiteren Vorwand, es senkt die Hemmungen. Das könnte einem Lothar Matthäus niemals passieren.

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3 Gedanken zu „Rassismus: Mesut Özil hat genug

    • Danke für Dein Feedback, Janine! ❤ Immerhin gibt es auch positive Entwicklungen, nämlich, dass – Özil sei Dank – diskriminierte Menschen jetzt ihre Stimme erheben! Jemand hat den Tag #metwo ins Leben gerufen, in Anlehnung an #metoo. Das „two“ steht für zwei Kulturen, es betrifft also Menschen, die in Deutschland leben und einem anderen Kulturkreis entstammen. Unter diesem Tag berichten sie von erlebtem Alltagsrassismus.

      • Ja, das ist das Gute an allem Schlechten: es bringt Themen ins Bewusstsein und es entstehen neue Bewegungen. Was mich besonders nervte an der Debatte, war, dass sich von ganz links nach ganz rechts offenbar ALLE einig waren, dass der Herr Özil das irgendwie trotzdem nicht hätte machen dürfen mit dem Bild oder sich zumindest sofort hätte erklären müssen.. und das finde ich scheinheilig. Herr Erdogan ist ein allgemein anerkanntes Staatsoberhaupt von einem Staat, mit dem Deutschland ziemlich schmutzige Geschäfte macht. Und nachdem nun die Türkei offiziell den Ausnahmezustand beendet hat, werden auch die Sanktionen wieder zurückgefahren und die Reisewarnung abgemildert. Es gibt also offiziell überhaupt keine Veranlassung, sich nicht mit dem türkischen Präsidenten ablichten zu lassen – unabhängig davon, wer das nun ist. Und es heißt natürlich überhaupt nicht, dass man ihn auch wählen würde (wobei uns auch das nichts anginge). Das fand ich an deinem Artikel sehr angenehm, dass du Herrn Özil nicht die Fähigkeit absprachst, selber zu entscheiden, mit wem er warum fotografiert wird.

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